Warum kein Studium für mich ein Vorteil war
Ich hab kein Studium. Lange war das mein größter Komplex. Heute ist es eine der Sachen, auf die ich am meisten setze.
Nach der Schule wusste ich nicht, was ich machen soll. Mein Bruder ist studieren gegangen, ich hab eine Wirtschaftsschule gemacht und danach ganz normale Jobs. Hotel, Rezeption, ein Büro in der Logistik. Solide, aber nichts, wo ich dachte, das ist es.
Als ich dann unbedingt remote arbeiten wollte, kam dieser Komplex mit voller Wucht zurück.
Anderthalb Jahre Absagen
Ich hab über anderthalb Jahre fast jeden Tag Bewerbungen rausgeschickt. Bei vielen Stellen standen schon über hundert Bewerbungen drin, bevor ich überhaupt auf Senden gedrückt hab. Und ich wusste: die meisten davon haben einen Abschluss, den ich nicht hab.
Absage nach Absage. Oft nicht mal eine Antwort. Es gab Tage, da hab ich ernsthaft gedacht, vielleicht ist das einfach nichts für jemanden wie mich.
Ein Abschluss öffnet dir die Tür zu einem System, in dem hundert andere mit demselben Abschluss stehen.
Was ich übersehen hab
Die ganze Zeit hab ich mich auf das konzentriert, was mir fehlt. Dabei hatte ich längst etwas, das viele mit Studium nicht haben: ich finde Sachen, die andere übersehen.
Ich hab mir früher Autos günstig über die Grenze geholt und teurer wieder verkauft. Ich hab mir mein Pferd aus Ungarn organisiert, weil es hier keiner bezahlbar hatte, mit Papieren, Transport und allem drum herum. Ich hab immer das beste Angebot aus der letzten Ecke gefischt.
Genau dieser Skill ist im Recruiting Gold wert. Du suchst nicht nach einem Diplom, du suchst nach der einen passenden Person, die sonst keiner auf dem Schirm hat. Das hatte ich vorher schon hundertmal gemacht, nur eben mit anderen Dingen.
Warum der Umweg ein Vorteil ist
Frauen, die aus normalen Jobs kommen, unterschätzen sich fast immer. Dabei bringen sie genau das mit, worauf es ankommt:
- Sie kennen eine Branche von innen, oft besser als jemand frisch aus der Uni.
- Sie können mit Menschen, weil sie im Service, am Empfang oder im Verkauf gestanden sind.
- Sie geben nicht beim ersten Gegenwind auf, weil sie es gewohnt sind, dass nichts geschenkt kommt.
Ich hab irgendwann aufgehört, mich für meinen Lebenslauf zu entschuldigen. Genau der holprige Weg ist der Grund, warum ich heute weiß, dass ich mir Dinge selbst beibringen und durchziehen kann.
Wenn du also auch denkst, dir fehlt das Stück Papier: dir fehlt nichts. Du schaust nur auf die falsche Spalte.
Bis bald, Felicia